Anker Firmenschrift 1876-1951

IT ee En Mt ns Be ME u =) = ee Fa] Der ae = fe FE A r— = 1876 315 1951 BPNS@BERLEELT BÜR DIER BEEREGSCHAEFT DER ANKER-WERKE AG. B-IEESTSR TIERE ID ZUM GELEIT Wieder geht ein Arbeitsjahr seinem Ende zu. Auch in diesem Jahre sind wir wieder ein gutes Stück vorangekommen. Die fertiggestellten Neubauten, die geräumigen Werkhallen, die vielen neuen Werkzeug- maschinen, die große Zahl der neu eingetretenen Mitarbeiter, das rege Schaffen an allen Arbeitsplätzen, der Strom der Erzeugnisse, der unser Werk verläßt — das sind die sichtbaren Zeichen des neuen Werdens. Aber nicht alles liegt so oflen zutage, und so tauchen mancherlei Fragen auf: Ist das alles notwendig? Welchen wirtschaftlichen Nutzen erwartet die Firma davon? Und welches ist unser Anteil am Erfolg ? Es ist das gute Recht jedes einzelnen, solche Fragen zu stellen. Jeder soll wissen, -wohin das Schiff gesteuert wird, dem er sich anvertraut hat. Richtig erkennen kann er die Zusammenhänge aber nur, wenn er auch erfährt, wie wir dahin gekommen sind, wo wir heute stehen. Diese Rückschau zu halten, auf die offenen Fragen eine Antwort zu geben und so das Verständnis für die Probleme des Werkes zu ver- tiefen — das ist der Zweck dieses Berichts. Der Vorstand Dh 2.2 0200020 2. GELEITWORT DES BETRIEBSRATS Die Grundlage aller Leistungen ist das gegenseitige Vertrauen. Ver- trauen können wir nur zu Menschen haben, die uns offen gegenüber- treten und uns auf unsere Fragen eine ehrliche Antwort geben. Dieses Büchlein, das heute jedem Kollegen und jeder Kollegin aus- gehändigt wird, beantwortet viele der Fragen, die uns alle bewegen. Es zeigt auch, vor welch große Aufgaben unser Werk gestellt ist und wie wir sie in gemeinsamer Arbeit bewältigen können. Soweit uns bekannt ist, ist es das erste Mal in der Geschichte der Anker-Werke, daß der gesamten Belegschaft die Probleme des Werkes, die nicht immer leicht zu verstehen sind, so offen dargelegt werden. Wir begrüßen deshalb die Herausgabe dieser Schrift und freuen uns, daß die Geschäftsleitung trotz der mannigfachen Sorgen um den Aus- bau und die Rationalisierung des Werkes doch Wege gefunden hat, die Leistungen der Kolleginnen und Kollegen durch Beteiligung am Erfolg der gemeinsamen Arbeit in Form verschiedener Zuwendungen anzuerkennen. Auch in Zukunft wollen wir in gegenseitigem Vertrauen zusammen- arbeiten zum Wohl des Werkes und seiner Belegschaft. oa— ec Betriebsratsvorsitzender DER URSPRUNG Wie viele andere bedeutende Industriebetriebe, so haben auch die Anker-Werke einmal klein angefangen. Vor 75 Jahren dachte man in Bielefeld freilich noch nicht daran, Registrierkassen oder Buchungs- maschinen zu bauen; am Anfang der Entwicklung der Metallindustrie in unserer Stadt stand die Nähmaschine. Das hat seine guten Gründe. Schon frühzeitig hatte das Leinen, das hier und in der Umgebung der Stadt erzeugt wurde, Bielefeld zu einem Mittelpunkt des Leinen- handels gemacht. Ihm verdankt Bielefeld seinen internationalen Ruf als „Stadt des Leinens“. Bald ging man dazu über, dieses Leinen in Bielefeld selbst zu Wäsche zu verarbeiten. Es mag um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts gewesen sein, als vom Ausland her die ersten Nähmaschinen hier Eingang fanden, um dabei zu helfen. Aber mit der Entstehung der Wäscheindustrie wuchs auch der Bedarf an Nähmaschinen, und so war es ganz folgerichtig, daß unternehmungsfreudige Männer sich entschlossen, diese Maschinen hier in Bielefeld herzustellen, wo der natürliche Absatzmarkt vorhanden war. Diese Unternehmer, zumeist erfahrene Mechanikermeister, die sich bereits anderwärts gründliche Fachkenntnisse angeeignet hatten, fabrizierten in der Folgezeit nicht nur Maschinen für die Wäscheherstellung, sondern auch für das Schneiderhandwerk und für andere Gewerbezweige, z.B. für die Lederverarbeitung. Im Jahre 1876 - Tag und Monat sind nicht mehr feststellbar — eröffnet einer dieser Männer, Carl Schmidt, eine Nähmaschinenfabrik an der Rohrteichstraße. Sie ist die Keimzelle der späteren Anker-Werke. Die Fabrikation beschränkt sich ursprünglich auf Maschinen für das Schuhmacherhandwerk, dehnt sich aber bald aufandere Nähmaschinen- typen aus, auch auf Haushaltsnähmaschinen, die zu jener Zeit noch wenig gebräuchlich sind. Von Anfang an ist die leitende Idee des Hauses das Streben nach Qualität. Die ersten Nähmaschinensysteme genügen bald nicht mehr den erhöhten Ansprüchen; sie werden konstruktiv verbessert und durch neue ersetzt. Mit der ständigen Verfeinerung der Konstruktionen nm wird die Nähmaschine zum Präzisionserzeugnis. Die Herstellung eines solchen Erzeugnisses, das nicht für Monate und Jahre, sondern für Jahrzehnte gebaut wird, erfordert größtes Können. Zu jener Zeit, da die elektrische Glühlampe kaum erfunden ist und von Präzisions- werkzeugmaschinen und modernem Austauschbau noch nicht die Rede sein kann, ist die Herstellung von Nähmaschinen noch über- wiegend eine Sache der geschickten Hand, der Mühe und Geduld, der sorgfältig ausgeführten Kleinarbeit. Wieder einmal erweist sich hier Bielefeld als glücklich gewählter Standort für die junge Industrie: Gerade in der ansässigen Bevölkerung findet sie diese unerläßlichen natürlichen Anlagen. Zu der naturgegebenen Befähigung für fein- mechanische Qualitätsarbeit gesellt sich im Laufe der Jahrzehnte die zunehmende Erfahrung; ein starker Stamm fachkundiger Mitarbeiter wächst heran, der auch neu hinzukommende Zweige der Fabrikation. sicher zu tragen vermag. WACHSENDES WERK Die Erzeugnisse des jungen Werkes machen ihren Weg. Schon nach wenigen Jahren gehen die ersten Exportaufträge ein, und infolge der regen Nachfrage aus dem In- und Ausland erreichen die Produktions- ziffern eine für die damalige Zeit ansehnliche Höhe. Bereits 1885 wird die 50000. Nähmaschine fertiggestellt; um 1890 zählt das Werk rund 300 Beschäftigte; umfangreiche Erweiterungsbauten sind notwendig. Um die jahreszeitlichen Schwankungen des Nähmaschinengeschäfts besser ausgleichen zu können, nimmt das Werk im Jahre 1894 auch die Herstellung von Fahrrädern auf; 1895 wird es in eine Aktien- gesellschaft umgewandelt und nennt sich nun stolz und ein wenig umständlich „Bielefelder Nähmaschinen- und Fahrrad-Fabrik Akt.- Ges. vorm. Hengstenberg & Co.‘“. Die meisten Erzeugnisse tragen aber bereits den Namen ‚Anker‘, der später auf die ganze Firma übergeht. Die Anker-Fahrräder helfen mit, Bielefeld zu einem Zen- trum der Fahrradfabrikation zu machen. Ein weiterer wagemutiger Schritt auf neues Gebiet wird schließlich getan, als im Jahre 1900 mit der Fabrikation von Anker-Resistrier- kassen begonnen wird. Die amerikanischen Registrierkassenhersteller, damals schon von ansehnlicher Größe und Kapitalkraft, ahnen, daß hier auf dem europäischen Kontinent eine ernste Konkurrenz für sie entsteht, und sie suchen das Aufkommen dieser Konkurrenz mit allen Mitteln zu verhindern. Es bedarf der ganzen kaufmännischen und technischen Tüchtigkeit der damaligen Leiter des Unternehmens, voran des zielbewußten Generaldirektors Otto Kramer, eines Mannes von unbeugsamem Willen und nie ermüdender Schaffenskraft, die größten Schwierigkeiten der Anfangsjahre zu überwinden. Dabei ist von entscheidender Bedeutung, daß der neue Fabrikationszweig in der gut eingeführten Nähmaschinenfabrikation einen kräftigen wirtschaft- lichen Rückhalt findet; denn der Aufbau der Registrierkassenfertigung kostet Zeit und Geld, und von einem Ertrag kann in jenen ersten Jahren noch keine Rede sein, zumal es gilt, einen harten Konkurrenz- kampf durchzustehen. Gerade in dieser Zeit erweist sich der in 2!/, Jahrzehnten feinmechanischer Fertigung gewonnene Erfahrungs- schatz des Werkes und seiner Mitarbeiter als wertvolle Grundlage. So gelingt es den Anker-Werken, sich als einzige deutsche Registrier- kassenfabrik jener Zeit gegenüber der ausländischen Konkurrenz zu behaupten und ihren neuen Erzeugnissen die Geltung zu verschaffen, die ihnen zukommt. Das Fertigungsprogramm wird laufend verbessert und bis zur hochwertigen Buchungsmaschine vervollständigt. Schon vor 1914 etringt sich die „Ankerkasse‘ auch einen Platz auf dem Weltmarkt. momen Ü_ Purchasen \ Eine der reichverzierten Ankerkassen, wie sie vor dem ersten Weltkrieg nach Übersee geliefert wurden DIE FAMILIE DER REGISTRIERMASCHINEN Die „alten Hasen“ in unserem Betrieb können vieles erzählen von dem langen Weg, der von den einfachen Ladenkassen der damaligen Zeit bis zu den hochentwickelten Endsummendruckern und Buchungs- 6 Generaldirektor Otto Kramer, der während des zweiten Entwicklungsabschnitts der Anker-Werke von 1901 bis 1934 an der Spitze des Unternehmens stand automaten führt, die heute in Bielefeld entstehen. Es ging über manche Hindernisse und durch scharfe Kurven, oft auch auf unerforschten Pfaden. Da man sich in den Kopf gesetzt hatte, die vielerlei Wünsche der Kunden getreulich zu erfüllen, konnte von einer modernen Fabri- kation noch nicht die Rede sein. Aber diese Wünsche zwangen doch zu immer weiteren Verbesserungen und Neuerungen und trieben die Entwicklung vorwärts. So wuchs im Laufe der Zeit eine stattliche Familie von Registrierkassen heran - die „älteren Jahrgänge‘ noch in kunstvoll verschnörkelten Gehäusen, die jüngeren in den verschie- densten Farben leuchtend, mit blinkenden Chromkanten; die schlich- ten Maschinen mit Hebeleinstellung und Handkurbel, und ihre elegan- teren Schwestern, die Tastenkassen mit Elektromotor. In allen Bau- stufen begegnen sie uns heute in den weitläufigen Montagewerk- stätten: Die Quittungsdrucker, die Kassen mit Bonausgabe, die munteren „Blitzkassen““ und die für Gaststätten und Hotels bestimm- ten Kellnerkassen, schließlich auch die sogenannten Endsummen- drucker, die von den Anker-Werken als erster europäischer Firma fabriziert wurden und deshalb ein wenig hochmütig auf die anderen herabsehen. Sie führen schon hinüber zu den Registrierbuchungsmaschinen, deren größte aus etwa 24000 Einzelteilen zusammengebaut werden. Dort hören wir von Addier- und Saldierwerken - bis zu 57 an der Zahl -, von Zwischen- und Endsummen, von Staffel- und Kolonnendruck an 3, 4, oder gar 5 Druckstellen, und von Sicherheitseinrichtungen, die teilweise so weit gehen, daß die Maschine mitzudenken scheint: Sie verweigert einfach den Dienst, wenn bei der Einstellung gewisse Irrtümer unterlaufen sind. Das Verständnis ihrer Funktionen er- fordert nicht allein technisches Begriffsvermögen, sondern auch gut fundiertes Wissen um die betriebswirtschaftlichen Zusammenhänge bei den verschiedenen Stellen in Verwaltung und Wirtschaft, wo sie ihren verantwortungsvollen Dienst tun sollen: bei Sparkassen und Banken, Stadtverwaltungen und Betriebswerken, in Finanzämtern und Krankenkassen, in den Buchhaltungen und Lohnbüros des Handels und der Industrie. Schon seit 1924 entstehen bei uns auch die Frankiermaschinen. Sie entstammen ebenfalls der Familie der Registrierkassen und sind bei Briefmarkensammlern meist recht unbeliebt, weil sie ihren Besitzern das Aufkleben von Briefmarken ersparen. AUCH DIE NÄHMASCHINEN UND FAHRRÄDER SIND DABEI Auf dem Gebiet des Nähmaschinenbaues ging es nicht so bewegt zu; aber auch hier hielten wir mit der Entwicklung Schritt und gingen ihr nicht selten sogar voran. Besondere Erfolge erzielten wir mit der Konstruktion der „Anker-RZ“, einer kleinen Zickzackmaschine, die 1936 auf den Markt kam. Bis dahin gab es Zickzackmaschinen nur für Industrie- und Handwerksbetriebe. Unsere „RZ“ hat sich einen bedeutenden Anteil am deutschen Nähmaschinen-Export gesichert und ist selbst in den USA, die eine starke eigene Nähmaschinen- produktion besitzen, als deutsches Qualitätsprodukt sehr begehrt. Neben diesen Spitzenerzeugnissen spielten aber die altbewährten Typen „RR“, „MM“ und wie sie alle heißen, eine nicht unbedeutende Rolle. Auch die Fahrräder waren weiter dabei, Motorfahrräder kamen hinzu. Vorübergehend befaßten wir uns sogar mit der Herstellung von Warenautomaten. Dem Zuwachs an technischer Leistung und an Ansehen entsprach das äußere Wachstum, das nicht in amerikanischem Tempo, aber mit gesunder Stetigkeit vor sich ging. Schon nach dem ersten Weltkrieg hatte sich das alte Werk I in der Innenstadt trotz wiederholter Er- weiterungen als zu klein für die wachsende Produktion erwiesen; im Osten Bielefelds wurde deshalb in den Jahren 1924 bis 1928 Werk II, ein moderner Industriebau, errichtet, so daß die Anker-Werke schließ- lich über eine Arbeitsfläche von rund 45000 qm verfügten. Diese Aufwärtsentwicklung wurde durch den zweiten Weltkrieg jäh unterbrochen. 1939 BIS 1948 Die Eingriffe in unser Produktionsprogramm, der Abzug eines großen Teils unserer Facharbeiter, die Unterbrechung der Entwicklungs- arbeiten trafen uns äußerst hart. Der Luftkrieg ging in den ersten Kriegsjahren für Bielefeld und auch für die Anker-Werke verhältnis- mäßig glimpflich ab; aber am 30. September 1944 wurden die beiden Bielefelder Werke schwer getroffen; weitere Angriffe Ende 1944 und Anfang 1945 richteten besonders in Werk I großen Schaden an. Als Bielefeld von den alliierten Truppen besetzt wurde, war fast ein Drittel der Arbeitsfläche beider Werke zerstört, der Rest schwer beschädigt und nur zum Teil benutzbar; Fenster, Türen, Dächer waren wiederholt instandgesetzt und wieder zerstört worden. Die Diez Nordwestecke von Werk I nach einem Luftangriff im Februar 1945 So sah es während der letzten Kriegsmonate in weiten Teilen des Werkes aus Einrichtungen von Werk II wurden, soweit sie noch erhalten ge- blieben waren, noch nach Beendigung der Kampfhandlungen durch Plünderer demoliert. Unser wertvoller Bestand an Werkzeugen, Vor- tichtungen, Schnitten und Maschinen hatte schwere Einbußen er- litten. Auch in unserem Ausweichbetrieb in Oberschlesien gingen dorthin verlagerte Maschinen im Anschaffungswert von 335000 Mark verloren. Im ganzen erlitten wir unmittelbare Kriegsschäden von mehr als 16 Millionen Mark. Schmerzlich waren die Lücken, die der Krieg in die Reihen unserer Belegschaft gerissen hatte. 154 Mitarbeiter waren an der Front ge- fallen, zwei hatten bei Luftangriffen auf das Werk den Tod gefunden. Viele kehrten erst nach Jahren aus der Gefangenschaft zurück, von anderen fehlt noch heute jede Kunde. Im April 1945, während noch in Mitteldeutschland und um Berlin die Kämpfe tobten, fand sich die übriggebliebene Anker-Belegschaft zusammen, um den Betrieb wieder zum Leben zu erwecken. Aber nur schrittweise konnte die Arbeit aufgenommen werden. Für jede Arbeit, auch für die Beseitigung der Trümmer, brauchte man das „‚Permit‘“ der Besatzungsbehörden. Unter großen Schwierigkeiten bekamen wir nacheinander die Erlaubnis für Aufräumungsarbeiten, dann für Re- paraturen außerhalb des Betriebes, schließlich für die Beschäftigung von 8o Mann in der Tischlerei, die zunächst die Fenster, Türen und Inneneinrichtungen instandsetzen sollten. Erst nachdem wir endlich auch das Permit für die Fahrradfabrikation erhalten hatten, gelangten wir wieder zu selbstverdientem Geld. Aber auch hier ging es nicht ohne Schwierigkeiten ab, da Stromsperren und plötzlich angeordnete Stillegungen die Fertigung immer wieder hemmten. Eine weitere Gefahr drohte uns in Gestalt der Demontage. Vor allem unsere Zickzackmaschinen wie auch die Büromaschinen erweckten das große Interesse der Vertreter aller Besatzungsmächte. Nur mit Mühe gelang es uns, den zuständigen Stellen klarzumachen, daß es im Falle der Demontage mit einer Verpflanzung der Maschinen und Werk- zeuge in andere Fabrikationsstätten nicht getan wäre, sondern daß unsere Erzeugnisse eben nur von unseren in langjähriger Arbeit mit dem Werk verwachsenen Facharbeitern hergestellt werden könnten, die sich nicht so ohne weiteres anderswohin verpflanzen ließen. So kamen wir unter ungezählten Schwierigkeiten doch wieder zu einer Fabrikation und zu steigenden Umsätzen. Während wir Mitte 1945 kaum 5oo Mann beschäftigen konnten, waren es ein Jahr später schon wieder mehr als 1300 und Ende Juni 1948 rund 1800. Die Nachfrage nach unseren Erzeugnissen war damals so stark, daß sie die Produk- tionsmöglichkeiten weit überstieg; aber es fehlte außer an Arbeitsraum allenthalben an geeignetem Material und brauchbaren Werkzeugen, I2 en ar u vor allem jedoch an Facharbeitern. Die vorhandene Belegschaft arbeitete unverdrossen weiter und tat alles, um das Werk trotz der unzureichenden Mittel allmählich wieder auf seine frühere Leistungs- höhe zu bringen; aber sie verfügte infolge der schlechten Versorgung mit Nahrungsmitteln nicht über ihre volle Arbeitskraft. Auch an die Männer, auf deren Schultern die ganze Last der Verantwortung lag, stellte dieser Zeitabschnitt angesichts der wirtschaftlichen Schwierig- keiten, der starken Zwangsbewirtschaftung mit ihren Verboten und Anordnungen, der rigorosen Steuergesetzgebung und der ständig zu- nehmenden Fragwürdigkeit des Geldwertes die höchsten Anfor- derungen. Mitte 1948 trat mit der Währungsreform endlich eine Wende für die deutsche Wirtschaft und auch für die Anker-Werke ein. Jetzt erst konnte man ernstlich daran denken, die Maßnahmen zu treffen, die auf Grund der veränderten Weltlage notwendig waren. DER INTERNATIONALE WETTBEWERB Der Krieg hatte die deutsche Wirtschaft und damit auch unser Werk um viele Jahre zurückgeworfen. Während der ganzen Jahre konnte die Industrie der vom Kriege weniger betroffenen Länder — wie z. B. in Amerika, Schweden, der Schweiz und Italien — ihren technischen Apparat in erheblichem Maße vervollkommnen und die Entwicklungs- arbeiten fortführen. In diesen Ländern waren neue Registrierkassen- fabriken entstanden, die ihre Erzeugnisse in ganz Europa anboten. Auch in der Nähmaschinenfabrikation erwuchsen uns in der Schweiz, in Italien und anderen Ländern neue starke Konkurrenten mit Fer- tigungsstückzahlen, die wir bei weitem nicht erreichen konnten. Hohe Stückzahlen sind bei einem Serienprodukt eine wesentliche Voraussetzung dafür, billiger zu produzieren. Nun ist aber der Größe unserer Fabrik durch die in Deutschland vorhandenen Absatzmöglich- keiten eine gewisse obere Grenze gezogen; denn der Auslandsmarkt stellt für uns vorläufig noch einen viel zu unsicheren Faktor dar, als daß unsere Existenz in überwiegendem Maße darauf begründet werden könnte. Zwischen dieser oberen Grenze und der damaligen Größe der Anker- Werke bestand aber zum Zeitpunkt der Währungsreform noch eine sehr breite Kluft; hatten wir doch noch nicht einmal die Leistungs- kraft der Vorkriegszeit wieder erreicht. Wollten die Anker-Werke weiter existieren, so mußten sie nicht nur diese frühere Leistungs- fähigkeit so schnell wie möglich wieder herstellen, sondern sie mußten Re danach streben, den Betrieb nach modernen Fabrikationsgesichts- punkten weiter auszubauen. Nur auf diesem Wege konnte man über- haupt hoffen, die enormen Aufwendungen für die Aufrechterhaltung eines vollen Produktionsprogramms auf dem höchsten Stand der Technik zu erwirtschaften und so in bezug auf Qualität, Menge und Preis den Anschluß an den Fortschritt des Auslands zu gewinnen. Erst wenn jeder Fabrikationszweig im Wettbewerb wenigstens auf dem europäischen Markt erfolgreich bestehen kann, ist die Existenz der | Anker-Werke als gesichert anzusehen. Vier Jahre nach der Zerstörung: Der Wiederaufban hat begonnen Die Nordwestecke von Werk I nach dem Wiederaufbau DIE NEUEN AUFGABEN Die Zielsetzung war also klar. Daraus ergaben sich die Aufgaben, die uns für die nächste Zeit gestellt waren: ı. Die Produktion in Registrierkassen und Nähmaschinen mußte so- weit erhöht werden, daß eine rationelle Fertigung möglich wurde. Zu diesem Zweck mußten die notwendigen Gebäude errichtet, Maschinen beschafft und die sonstigen Produktionseinrichtungen in großzügigem Ausbau geschaffen werden. | nD . Höhere Produktionsziffern ergeben nicht ohne weiteres auch einen besseren Wirkungsgrad und damit einen höheren Ertrag. Je größer | der Umfang einer Produktion wird, desto schwieriger ist es, sie auf die Dauer so rationell zu gestalten, daß die möglichen Vorteile der | Produktionserhöhung auch tatsächlich erzielt werden. Deshalb waren nicht nur konstruktive Änderungen an den Erzeugnissen not- wendig, um sie für eine rationelle Mengenfertigung geeignet zu | machen, sondern auch weitreichende Änderungen im Arbeitsablauf | und in der gesamten Betriebsorganisation. Dazu gehörte bei den Anker-Werken auch eine klare räumliche Trennung der verschie- denen Fabrikationszweige. Es wurde deshalb beschlossen, die Fahr- rad- und Motorradfabrikation in ein neu zu errichtendes Zweig- werk zu verlegen, um gleichzeitig in Werk I und II mehr Raum für | die Nähmaschinen- und Büromaschinenfabrikation zu gewinnen. | In Werk I sollte nach vollendetem Wiederaufbau ein Nähmaschi- | nen-Spezialwerk und in Werk II durch planvollen Ausbau eine moderne Spezialfabrik für Büromaschinen entstehen. 3. Die technische Vervollkommnung der einzelnen Erzeugnisse muß N nicht nur auf ihre rationelle Herstellung, sondern auch auf die | gestiegenen und weiter steigenden Ansprüche der Abnehmer Rücksicht nehmen. Sowohl bei Nähmaschinen als auch bei Re- | gistrierkassen und Buchungsmaschinen mußten deshalb die Ent- —— wicklungsarbeiten an neuen, den heutigen Erfordernissen und Geschmacksrichtungen entsprechenden Typen stärker als bisher fortgesetzt werden. 4. All diese Bemühungen gleichen einem atemraubenden Wettlauf. Wir können von unseren Konkurrenten nicht erwarten, daß sie so lange stehenbleiben, bis wir nachgekommen sind. Die Aus- sichten, uns durch erhöhte Anstrengungen eine bessere Position im Wirtschaftskampf zu verschaffen und damit die Existenz der Anker-Werke zu sichern, sind heute günstiger als morgen. Es hängt alles davon ab, die notwendigen Maßnahmen so rasch wie möglich durchzuführen. Aus dem weiten Gelände hinter Werk II wächst die neue Werkzeugmaschinenhall: DIE GELDFRAGE Bauen kostet Geld; die Einrichtung einer modernen Fabrik mit allen Werkstätten, Arbeitsplätzen, Maschinen, Werkzeugen usw. kostet noch viel mehr. Dieser Aufwand beläuft sich heute für jeden neuen Arbeitsplatz im Durchschnitt auf mehr als 10000 DM. 17 Daß wir unmittelbare Kriegsschäden in einer Höhe von vielen Mil- lionen Mark erlitten hatten, wurde bereits erwähnt. Dieser Verlust | sollte also wettgemacht und darüber hinaus noch ein umfangreiches Aufbau- und Rationalisierungsprogramm durchgeführt werden. Wollten wir dieses Programm aus eigener Kraft finanzieren, so hätten wir die Mittel dafür aufbringen müssenn eben dem laufenden Aufwand für die Fabrikation, also für Löhne und Gehälter, gesetzliche und frei- willige Sozialleistungen, Fertigungsmaterial, Gemeinkosten, Steuern. All diese Kostenfaktoren aber waren im Steigen begriffen. Zu den überhöhten Steuern gesellten sich die Lastenausgleichsabgaben als { Hypothek einer unseligen Vergangenheit; die Löhne und Gehälter drängten nach oben; mit dem Beginn der Korea-Krise kam als be- sonders beunruhigend das sprunghafte Ansteigen der Materialkosten hinzu. Die Preise unserer Erzeugnisse dagegen konnten wir nicht im gleichen Maße erhöhen, wenn wir die Umsätze steigern wollten. Auch die verhältnismäßig langen Herstellungszeiten erhöhen den Geld- bedarf; denn der Erlös für unsere hochwertigen Erzeugnisse fließt uns ja nicht etwa im gleichen Augenblick zu, in dem wir die Herstellungs- kosten aufzubringen haben, sondern meist erst viele Monate später — selbst wenn uns alle Kunden das Geld am Tage der Lieferung bar auf den Tisch legen würden. Woher sollten wir also die Mittel für all das nehmen, was wir noch planten? Sollten wir die Segel streichen und lieber warten, bis wir vielleicht durch Fleiß und eiserne Sparsamkeit genügend Geld für unser Vorhaben zusammen hatten? ‚Der alte Kramer“ hatte uns doch ein Beispiel gegeben: Nur seine vorsichtige Finanzpolitik hatte es ihm ermöglicht, in kritischen Zeiten auch einmal große Mittel in die Waag- schale zu werfen. Aber auch der alte Herr Kramer wußte, daß Sparsamkeit und Fleiß allein nicht zu industriellen Erfolgen führen. Heute gilt das noch mehr als damals. In einer Zeit, in der die öffentlichen Abgaben den indu- striellen Ertrag fast völlig abschöpfen, müssen auch Wege gegangen werden, die ein gewisses Risiko in sich schließen. An eine Fortführung der notwendigen Maßnahmen war nur dann zu denken, wenn wir uns entschlossen, den letzten Pfennig, der uns vom Ertrag unserer Erzeug- nisse übrigblieb, in die Fabrikation zu stecken, darüber hinaus aber uns um langfristige Kredite zu bemühen. Andernfalls hätte sich die Ausführung unserer Pläne über viele Jahre hingezogen, und der Zweck, durch Wiedererlangung unserer Konkurrenz- und Export- fähigkeit den Fortbestand der Anker-Werke zu sichern, wäre in abseh- barer Zeit nicht zu erreichen gewesen, ja vielleicht überhaupt nie erreicht worden. Wer sich diese Zusammenhänge aufmerksam vor Augen stellt, wird kaum die Meinung vertreten können, der Ausbau unseres Werkes in dem inzwischen erreichten Umfang sei etwa leichtfertig und über das notwendige Maß hinaus erfolgt. Im Gegenteil, er war zwingende Notwendigkeit und entsprang nur der Sorge um die Zukunft des Unternehmens und der in ihm Beschäftigten. a I Il! nde 1gJ1 ‚und Eı Die Gebäudefront an der Turnerstraße von 1897 bis 1950... 20 er = Se 2 x 2 nennen ner WAS WURDE .BISHER ERREICHT? Heute, kaum dreieinhalb Jahre nach der Währungsumstellung, wollen wir uns das bisher Erreichte einmal vor Augen führen. Das Dröhnen der Kompressoren, das Knattern der Preßlufthämmer, der Lärm der Betonmischer ist verstummt. Schon ist dem alten Werk I nicht mehr anzusehen, daß hier noch vor wenigen Jahren nüchterne Backsteinfassaden mit schmalen Fenstern die Straßen säumten. Weite Fabriksäle, an deren letzter Ausstattung noch gearbeitet wird, sind dazu bestimmt, die Nähmaschinenfabrikation aufzunehmen. Unser Nähmaschinen-Spezialwerk steht vor der Vollendung. Auch der wuchtige Bau von Werk II, unser künftiges Büromaschinen- werk, hat ein neues Gesicht bekommen: Eine geschlossene Gebäude- front erstreckt sich vom einen bis zum anderen Ende des Anker- Geländes; dahinter dehnt sich eine riesige Maschinenhalle mit blitz- blanken Reihen schwerer Werkzeugmaschinen. Hier entstehen jetzt in planvoller Präzisionsarbeit die Einzelteile für unser weitgespanntes Fabrikationsprogramm. Hier sind alle Voraussetzungen für Qualitätsarbeit erfüllt 1876 1880 1890 1910 f Il Die Erzeugnisse | | ee Die Werksgebäude ö) Yancrk se ——————————ae | = pr 1876 Um 1886 Um 1896 Um 1906 Die Belegschaft i | | | k 1 I 7 | j | 1000 — _ _ — - N | 7 = 500-4 ae zeit ı HH r | ] lea ea | lE = il a 9 lJdı 2 3.35 67 8 9 LIT 5 a 9. 2503 08000 8 417 6 7975078 )019 me = 5 1876 1880 1890 1900 1910 1920 1930 1940 1950 aaa) o la | m ———m—iar mil Nähmaschinenwerk l | De, I | II 2 Paderborner Maschinenbau AG | I Um 1916 Um 1926 Um 1938 a = Büromaschinenwerk i Werk II | Timm - eg u "3 { \ S [WILL [LLIIEITELLTIIEITELITTT (ÄNTTETTEITERTEITZ TLITTLLIITI] e s 6789 3 S Ss = = Ss 1950 Die Fahrräder und Motorräder werden bereits seit zwei Jahren in unserem Tochterwerk in Paderborn, der heute selbständigen Paderborner Maschinenbau AG., hergestellt. Wer heute in Werk I oder Werk II eine bestimmte Abteilung dort sucht, wo sie bisher zu finden war, wird manchen Irrweg machen. Aber schon zeichnet sich in beiden Werken das Bild der neuen Raum- ordnung ab: Läger, Werkstätten, und in den Werkstätten wiederum die Maschinen werden so angeordnet, daß ein reibungsloser Fluß des Materials und der Werkstücke möglich ist. Was sonst noch an Über- legungen, Änderungen und Arbeitsaufwand dazugehört, um das Vielerlei der Aufgaben, Tätigkeiten und Abteilungen in eine neue Ordnung zu bringen, das ist nicht weniger umfangreich und wichtig als das äußerlich Sichtbare. Oo zahlen wachsen, es wird mehr erzeugt. Die Nähmaschinenproduktion ist heute mehr als doppelt so hoch wie vor dem Kriege, und auch die Kassen- und Buchungsmaschinen beginnen die alten Stückzahlen zu überschreiten. Von der einfachen Ladenkasse bis zum hochwertigen Registrierbuchungsautomaten haben wir wieder ein Lieferprogramm Deutlich beginnt sich der technische Erfolg abzuzeichnen. Die Stück- aufgebaut, über das keine gleichartige Fabrik in Europa in dieser Voll- ständigkeit verfügt. Es wird aber nicht nur mehr produziert, sondern auch die Erzeug- nisse selbst wandeln sich. Die Entwicklungsarbeiten wurden in ver- stärktem Maße fortgesetzt, um die aus Forschung und praktischer Erfahrung gewonnenen Erkenntnisse der Verbraucherschaft nutzbar machen zu können. Von manchem kann der Schleier des Geheimnisses noch nicht ge- lüftet werden. Aber erste sichtbare Ergebnisse dieser Arbeiten sind im Büromaschinenbau eine Serie moderner Registrierkassentypen neuartiger Form und hervorragender Leistung, die jetzt zum Verkauf 24 nn ee freigegeben werden; im Nähmaschinenbau die „MMZ“ sowie eine tragbare Elektro-Freiarm-Nähmaschine, die in Gemeinschaft mit anderen Bielefelder Nähmaschinenfabriken nach dem Kriege ent- wickelt wurde. Daneben erfolgen laufend Verbesserungen an unseren altbewährten Nähmaschinen- und Büromaschinentypen. Die modernsten Werkzeugmaschinen hochwertige Fertigung zur Verfügung WIR SIND NOCH NICHT AM ZIEL Vieles ist erreicht, viel auch noch zu tun. Die Gefahr, die uns auf den Märkten droht, ist noch nicht gebannt. Die Aufbauleistung muß sich auch wirtschaftlich auswirken, wenn der Gesamterfolg erreicht werden soll. Unsere Erzeugnisse verkaufen sich ja nicht „von selbst“, heute noch weniger als früher. Der gute Name unserer Firma und die Qualität unserer Maschinen sind uns beim Verkauf zwar eine wertvolle Stütze; im verschärften Konkurrenzkampf sind sie jedoch nicht allein aus- schlaggebend. Es ist bekannt, daß z. B. japanische Waren, die infolge des außerordentlich niedrigen japanischen Lebensniveaus dort billiger als irgendwo anders hergestellt werden können, neuerdings wieder auf allen Märkten der Welt im Vordringen sind. Neben dem weiteren Ausbau der Produktion ist deshalb eine unserer wichtigsten wirtschaftlichen Aufgaben für die nächste Zukunft die Beobachtung der Märkte und die Sicherung unseres Anteils, ins- besondere auf den Auslandsmärkten. Dem Aufbau und der wirksamen Arbeit unserer weitverzweigten, durch den Krieg aber stark in Mit- leidenschaft gezogenen Verkaufs- und Kundendienstorganisation im In- und Ausland muß dabei besondere Aufmerksamkeit zugewandt werden. Wir müssen ferner daran denken, daß die Kredite, die wir für die erste Phase des Aufbaus aufgenommen haben, auch wieder zurück- gezahlt werden müssen. Aus all diesen Gründen wird vorerst noch keine spürbare Erleichte- rung unserer angespannten finanziellen Lage eintreten, selbst wenn wir unsere Verkaufsziele in vollem Umfang erreichen. Auch weiterhin müssen wir alle Mittel daransetzen, den Erfolg der im Gang befind- lichen Arbeiten sicherzustellen. 26 Wir haben daher bewußt darauf verzichtet, das 75 jährige Firmen- jubiläum festlich zu begehen. Eine solche Feier, die ja der Würde und Bedeutung unseres Unternehmens hätte entsprechen müssen, hätte umfangreiche Barmittel erfordert. Selbst wenn solche Mittel vorhanden gewesen wären, wäre es im Augenblick der höchsten Anspannung all unserer Kräfte kaum zu verantworten gewesen, sie für festliche Ver- anstaltungen großen Stils auszugeben. Daneben war für uns der Ge- . danke maßgebend, daß wir den vielen Jubiläumsgästen aus den Kreisen unserer Abnehmer und Interessenten, der Verbände und Be- hörden in diesem Jahr nur ein unvollständiges, äußerlich noch wenig ansprechendes Bild unserer Leistungen hätten vorlegen können. Wenn diese Kreise nach Durchführung unseres Aufbau- und Rationalisie- rungsprogramms gruppenweise unser Werk besuchen, werden wir ihnen — zwar nicht im Rahmen einer Jubiläumsfeier, aber doch unter Hinweis auf das 75 jährige Bestehen der Anker-Werke — besser zeigen können, was wir geleistet haben und zu leisten vermögen. WAS TATEN WIR FÜR UNSERE MITARBEITER? Bisher wurde hier fast nur vom Werk selbst und seinen wirtschaft- lichen Problemen berichtet; von den Menschen im Werk war noch kaum die Rede. Aber handelt es sich bei dem, was das Werk betrifft, und dem, was die Menschen im Werk angeht, wirklich um zwei ganz getrennte Bereiche? Muß es ein Zeichen sozialen Rückstandes sein, wenn unter all dem Neuen, was bei den Anker-Werken in den letzt- vergangenen Jahren geschaffen wurde, vor allem die Bauten, die Ma- schinen, die Zeichen äußeren Wachstums ins Auge fallen? Von jeher hatte ja der menschliche Faktor bei uns ein besonderes Gewicht; denn — es wurde schon wiederholt betont — ohne unsere tüchtigen und erfahrenen Mitarbeiter hätte es uns nicht gelingen können, den Ruf der Anker-Qualitätserzeugnisse zu begründen, über die Zeiten hinweg zu erhalten und ständig zu mehren. Wichtiger als in manchem anderen Betrieb war es deshalb bei uns, für tüchtigen 27 Unter den bewährten Fachleuten unserer Montageabteilungen sind nicht wenige, die schon lange vor dem ersten Weltkrieg Ankerkassen bauten Nachwuchs zu sorgen, einen Stamm erfahrener Fachkräfte heranzu- ziehen und dem Betrieb zu erhalten, das Wohlergehen aller Mitarbeiter zu sichern und schließlich auch die Kranken und Alten mit ihren Fa- milien vor der größten Not zu schützen. Dies geschah bei uns durch mancherlei Einrichtungen. Wir denken da an unsere bereits im Jahre 1880, also noch vor dem Inkrafttreten der gesetzlichen Krankenversicherung, gegründete Be- triebskrankenkasse, an unsere vorbildliche Lehrwerkstatt und an die vor dem zweiten Weltkrieg geschaffenen — heute leider von der Be- satzungsmacht beschlagnahmten - Sportanlagen auf dem Gelände von Werk II. Aus den Gewinnen des Geschäftsjahres 1937 und der folgen- den Jahre wurden Jahresabschlußvergütungen an die gesamte Beleg- schaft zur Auszahlung gebracht. Vielen Betriebsangehörigen sind auch die „Weihnachtspakete“, die in jenen Jahren verteilt wurden, noch in guter Erinnerung. Unsere zum Kriegsdienst eingezogenen Betriebs- angehörigen wurden laufend mit Feldpostpäckchen versorgt; auch die Familienangehörigen der Soldaten erhielten Zuschüsse. Wir denken ferner an die Treueprämien für unsere Arbeitsjubilare nach 25, 40 und so Jahren der Betriebszugehörigkeit, sowie an die schon vor dem ersten Weltkrieg eingeführten Unterstützungen für verdiente Arbeiter und Angestellte, die wegen Alters oder Krankheit in den Ruhestand treten müssen. 1926 wurde die „Otto-Kramer-Stiftung“ als Pensions- kasse für Angestellte, 1936 ein Pensionsfonds für Arbeiter sowie die Sterbekasse errichtet. Die meisten dieser Einrichtungen haben auch den Krieg überdauert und wurden in den letzten Jahren trotz aller übrigen finanziellen Be- lastungen verbessert und ergänzt. Unsere Lehrlinge werden heute wieder wie vor dem Kriege in einer gut eingerichteten Lehrwerkstatt gründlich unterrichtet, in den einzelnen Fertigungswerkstätten planmäßig ausgebildet und täglich theoretisch geschult. Die Betriebskrankenkasse gewährt seit mehr als zwei Jahren neben den üblichen Kassenleistungen laufend einer Anzahl von erholungs- bedürftigen Betriebsangehörigen für je drei Wochen kostenlose Kur- aufenthalte in Bad Rothenfelde. Seit 1948 sind wir wieder dazu übergegangen, Jahresabschlußvergü- tungen bzw. Weihnachtszuwendungen an alle Betriebsangehörigen zu zahlen. Sie betrugen in Abhängigkeit vom Betriebserfolg des Unter- nehmens in den Jahren 1948 2,6% des Jahreslohns bzw. -gehalts, 1949 2,8%, des Jahreslohns bzw. -gehalts, 1950 3,2% des Jahreslohns bzw. -gehalts. Durch Beteiligung am Wohnungsbau-Notprogramm der Bielefelder Metallindustrie, das von der Firma und den Beschäftigten gemein- schaftlich finanziert wurde, konnten in den letzten Jahren etwa 120 neue Wohnungen für Werksangehörige erstellt werden. Daß die Anker-Werke an der Lösung des Flüchtlingsproblems und der Umsiedlung von Heimatvertriebenen tatkräftig mitarbeiten, wissen viele aus eigener Erfahrung; zählen wir doch in unserem Werk mehr als 1000 Heimatvertriebene. Bei der Art unserer Fabrikation sind uns die Erfahrungen der alten, unserem Werk langjährig verbundenen Mitarbeiter besonders wertvoll. Unsere Sorge ist es nicht nur, sie dem Betrieb möglichst lange gesund und arbeitskräftig zu erhalten, sondern wir halten es auch für eine menschliche Pflicht, ihnen dann, wenn sie wegen Alters oder Inyalidi- tät aus den Diensten der Anker-Werke ausgeschieden sind, ein an- nehmbares Lebensniveau zu sichern. Den Unterstützungsvereinen wurden deshalb jährlich erhebliche Summen zugeführt, so allein aus den Ergebnissen der Bilanzjahre 1946 RM 190 500, — 1947 RM 222656, — und des ersten Halbjahrs 1948 RM 170092,—. 4 be Ihre Leistungen wurden wiederholt verbessert, zuletzt im Jahre 1948 durch Herabsetzung der Wartezeiten von 25 auf 10 Jahre und durch Erhöhung der Rentensätze. Nachdem die Währungsumstellung die Vermögensreserven der Unterstützungsvereine fast völlig aufgezehrt hatte, wurden die bisherigen Leistungen aus laufenden Mitteln in voller Höhe aufrechterhalten. Einer der vielen Heimatvertriebenen, die vollvertige Mitglieder der großen Anker-Familie geworden sind bw - ee en anne mann en u en eine en DIE GRUNDLAGE SOZIALER VERBESSERUNGEN Mit dieser Aufzählung einzelner Leistungen soll nicht gesagt sein, daß sie etwas ganz Besonderes wären. Daß es uns in den schweren Jahren der Nachkriegszeit nicht leicht fiel, immer die Mittel dafür rechtzeitig aufzubringen, geht aus diesem Bericht wohl deutlich hervor. Hätten wir aber die Grenzen unserer wirtschaftlichen Kraft überschritten, nur um unsere soziale Haltung auffälliger zu dokumen- tieren, dann hätten wir die Kuh schlachten müssen, von deren Milch wir leben wollen. Wir haben deshalb manche angestrebte Einzelverbesserung auf diesem Gebiet vorläufig zurückgestellt gegenüber den Maßnahmen, die dem Aufbau des Werkes und der Sicherung des wirtschaftlichen Erfolgs dienen. Erst der wirtschaftliche Erfolg nämlich bildet die Grundlage für soziale Verbesserungen; und schon die bisherigen Aufbau- maßnahmen haben es uns ermöglicht, auf sozialem Gebiet mehr zu leisten als wir durch Einzelverbesserungen hätten erreichen können. Einige Tatsachen und Zahlen mögen das beweisen: Die wieder instandgesetzten und neu errichteten Bauten gaben uns die Möglichkeit, unsere Belegschaftsziffer durch Neueinstellungen ständig zu erhöhen und allein seit der Währungsumstellung rund 2000 Menschen zusätzlich Arbeit und Verdienst zu geben. . Nicht nur in den modernen Neubauten beider Werke, sondern auch in den alten Gebäudeteilen von Werk I sind alle baulichen Vorkehrungen getroffen worden, Gesundheit und Arbeitskraft unserer Mitarbeiter zu fördern. Helle, lichtdurchflutete Arbeitsräume und ordentliche, gut- beleuchtete Arbeitsplätze, geräumige und saubere Wasch- und Brause- räume, Garderoben und Toiletten wurden geschaffen oder sind noch im Entstehen. 32 Die sanitären Einrichtungen unserer Werke entsprechen allen nenzeitlichen Anforderung: Unsere Belegschaft zählt heute 3790 Arbeiter und Angestellte, dazu kommen etwa 120 Vertreter. Von dem Geld, das sie bei uns verdienen, leben auch ihre Fa- milienangehörigen, das sind 2500 Ehefrauen und mindestens 2300 unterhaltsberechtigte Kinder. Ferner rechnen wir zu uns 290 Rentenempfänger. Das ergibt eine Betriebsfamilie von rund 9000 Köpfen, wobei die Mitarbeiter unserer Verkaufsorganisation im Ausland sowie die Hunderte selbständiger Händler, die unsere Erzeugnisse ver- treiben, noch nicht berücksichtigt sind. Auch von dem Geld, das wir für den Einkauf von Material und Ma- schinen und für all die vielen anderen Bedürfnisse unseres Betriebes aufwenden, und ebenso von dem, was jeder Anker-Angehörige für seinen Lebensunterhalt laufend ausgibt, leben wieder Menschen; nach vorsichtiger Schätzung werden es weit über 1000 sein. Das sind zusammen mehr als 10000 Menschen — die gesamte Ein- wohnerschaft einer kleinen Stadt wie etwa Lage oder Bünde -, für deren Lebensunterhalt gesorgt ist, solange bei den Anker-Werken gearbeitet wird. Das will schon etwas heißen; denn ganz so selbstverständlich ist es heute nicht, Arbeit und Verdienst zu haben. Und die Verantwortung derer, die für den stetigen Gang des ganzen Räderwerks, für das genaue Zusammenspiel all seiner Teile zu sorgen haben, ist nicht gering. ne an ee hen nat ee . u UM DEN LEBENSSTANDARD So mancher, dem es weder am Arbeitswillen noch am beruflichen Können fehlt, findet heute keinen Arbeitsplatz. Aber auch dem, der regelmäßig Lohn oder Gehalt nach Hause tragen kann, reicht es heute nicht immer für die Bedürfnisse des täglichen Lebens. Auch in besseren Zeiten und anderen Ländern ist ja das „Weiterkommen‘“, die Besse- rung der Lebenshaltung ein natürlicher Wunsch jedes einzelnen. Nun hängt aber die Höhe des Lebensstandards nicht allein vom Arbeits- verdienst ab, sondern ebensosehr von den Preisen, die der einzelne für seinen Lebensunterhalt aufwenden muß. Da heißt es dann scharf rechnen, um „mit dem Einkommen auszukommen‘“. Das ist bei einem großen Unternehmen nicht anders. Das „Monats- einkommen‘‘ der Anker-Werke, das ist das, was wir für unsere Er- zeugnisse einnehmen. Beinahe 50% davon geben wir monatlich für Löhne, Gehälter und soziale Abgaben aus. Im Vergleich zu anderen Betrieben ist dieser Prozentsatz sehr hoch; und die Überlegungen, die um die Höhe der Löhne und Gehälter kreisen, sind deshalb bei uns wichtiger als anderswo. Die Preise für unsere Erzeugnisse können nicht nach Belieben erhöht, die Herstellungskosten nicht nach Be- lieben gesenkt werden, wenn wir auch unser Möglichstes tun, durcl unsere Rationalisierungsmaßnahmen eine Verbilligung der Produktion zu erreichen. Soweit uns das nicht in entsprechendem Maße gelingt, müssen wir also Lohn- und Gehaltserhöhungen irgendwo anders „heraussparen‘‘. Aus den Materialkosten? Die steigen ebenfalls. Von den Steuern gar nicht zu reden. Die freiwilligen Sozialleistungen wollen wir nicht gern beschneiden. Und die Dividenden? Für Divi- denden ist schon seit den Kriegsjahren nichts mehr übriggeblieben. Der Gedanke, aus dem Aktienbesitz möglichst viel Dividende zu er- zielen, ist bei den Anker-Werken noch nie ausschlaggebend gewesen, und soweit in früheren Jahren Dividenden zur Verteilung kamen, wurden uns die Gelder von den Aktionären fast restlos wieder als Betriebskapital zur Verfügung gestellt. Etwas anderes ist es schon mit dem, was wir für all die sogenannten „Kleinigkeiten“, also z. B. für Licht, Kraft, Wasser, Heizung, Papier und Schreibmaterial, Zeitschriften, Telefon, Porto, Reparaturen usw. ausgeben. Wir alle können mithelfen, diese Ausgaben möglichst niedrig zu halten. Reicht auch das noch nicht, dann allerdings müssen wir den Betrag schmälern, der uns für die Erneuerung der Fabrik- einrichtungen, die Verbesserung unserer Produktion, mit anderen Worten: für die Sicherung der Arbeitsplätze übrig bleibt. < Sorgen um das „Auskommen“ gibt es also hier wie dort, im großen wie im kleinen. Die Kosten des Lebensunterhalts erinnern uns immer wieder daran, wie schwer wir noch an der Last der Vergangenheit, an den Folgen des Krieges zu schleppen haben. Nur in dem Maße, wie wir diese überwinden — und das hängt nicht von der Höhe der Löhne und Preise, sondern von der Leistung jedes einzelnen ab -, kann sich auch unser Lebensstandard erhöhen. Was in dieser Hinsicht von seiten der Anker-Werke geschehen kann, das geschieht. In den letzten 3 Jahren betrug bei uns die Steigerung des Durchschnitts-Monatseinkommens der Lohnempfänger 7208 der Durchschnitts-Monatsgehälter 30%. Die Zahl der Lohnempfänger stieg um 100%, die Lohnsumme (Summe aller pro Monat gezahlten Löhne) aber um 246%; die Zahl der Gehaltsempfänger um 64% und die Gehaltssumme (Summe aller monatlich ge- zahlten Gehälter) um 108%. An Löhnen und Gehältern einschließlich der gesetzlichen Sozial- leistungen zahlen wir jeden Monat mehr als ı 4, Millionen DM aus. 36 ZUSAMMENARBEIT | Von denen, die bei uns arbeiten, haben neun schon das 5ojährige Ju- biläum ihrer Betriebszugehörigkeit gefeiert; fünfmal so viele sind länger als 40 Jahre bei uns. Mehr als 300 gehören dem Werk länger als 25, rund 1000 länger als 10 Jahre an. Es muß sich also bei Anker wohl aushalten lassen. Es hieße aber an der Wirklichkeit vorbeisehen, wollte man nur dauernd von einer „automatischen“ Harmonie sprechen. Eine Fabrik ist kein Automat, der laufend die Mittel für Löhne und Gehälter aus- wirft. Wo in der Welt wäre ein Betrieb, in dem es nicht auch allerhand Schwierigkeiten und Reibungen gibt? Diese Schwierigkeiten sind zum Teil in der menschlichen Natur begründet, zum Teil in Einflüssen der Umwelt, wohl auch in Vor- urteilen und Mißverständnissen. Sie lassen sich nicht durch ‚soziale Maßnahmen‘, sondern nur durch unablässiges Bemühen bewältigen. Wenn jeder einzelne den Willen aufbringt, sich in die Lage des andern zu versetzen, anstatt in ihm nur den Gegner zu schen, ist schon viel gewonnen. Denn der gute Wille zur vertrauensvollen Zusammen- arbeit ist ja viel größer, als man manchmal wahrhaben will. Er beruht auf der Gewißheit, daß sich jeder, gleich an welchem Platz er steht, als Mensch, als geachtetes Mitglied einer Gemeinschaft fühlen darf. Geschäftsführung und Betriebsrat beraten bei uns gemeinsam über alles, was unsere Zusammenarbeit im Werk betrifft. Auch all das, was in den letzten Jahren bei uns geschehen ist, geschah stets im besten Einvernehmen beider Teile. Es ging dabei nicht darum, daß jeder seine eigene Meinung durchsetzte, sondern es ging um die Gesamtheit, um die Existenz unseres Werkes. Es lassen sich dafür schwerlich bessere und allgemein zutreffendere Worte finden als in der Werkschrift eines I \ nn anderen eroßen und als sozial fortschrittlich bekannten Unter- nehmens?): „Der Betrieb - das ist ein Stück gemeinsames Schicksal. Und auf die beiden Partner trifft zu, was man ab und zu mit einem Gleichnis beschreibt: Sie sind zwei, die im gleichen Boot fahren; jeder Sturm bringt beide in Gefahr. Wie es auf den Schiffen Brauch ist, sollte man deshalb das Steuer nur dem geben, der dieses Handwerk ge- lernt und sein Können bewiesen hat. Es könnte sonst passieren, daß nach einem Schiffbruch alle im Wasser treiben, und daß dann die einen auf die anderen zeigen, die es eigentlich hätten besser wissen müssen, und daß sie einander schwere Vorwürfe machen, bevor alle miteinander jämmerlich ersaufen.“‘ DIE SICHERUNG DES ARBEITSPLATZES Die Bauten stehen fertig und die fabrikatorischen Einrichtungen für eine größere und modernere Produktion sind zum größten Teil vor- handen. Das Ziel der Schaffung von Arbeitsplätzen ist damit im wesentlichen erreicht. Was darüber hinaus möglich war, haben wir getan - wenn man berücksichtigt, daß dem einzelnen ja nicht nur das zugute kommt, was sich in Zahlen ausdrücken läßt oder in Form von Bargeld ausbezahlt wird. Was ist nun auf diesem Gebiet noch zu tun? Mit der Schaffung von Arbeitsplätzen wäre noch wenig erreicht, wenn sie nicht auch genügend gesichert würden. Nur die innere Stabilität eines Unternehmens, seine gesicherte Wettbewerbs- und Exportfähigkeit können die Erhaltung der Arbeitsplätze zuverlässig garantieren. Auch in der Zukunft muß deshalb für uns der Gesichts- 1) „Was ist Bosch ?“ Bosch-Schriftenreihe Folge 2, Stuttgart 1950. ba punkt maßgebend sein, daß nur der wirtschaftliche Erfolg soziale Verbesserungen möglich macht, und daß deshalb die beste Wirtschafts- führung auch die beste Sozialpolitik ist, die wir treiben können. Ebenso ist sich aber die Geschäftsführung dessen bewußt, daß ohne den Fleiß, das hervorragende fachliche Können und die Treue der Belegschaft kein wirtschaftlicher Erfolg erzielt werden kann, weil die Qualität unserer Erzeugnisse zum großen Teil auf der in ihnen ent- haltenen fachmännischen Arbeit beruht. Ihre Sorge gilt deshalb auch künftig neben der Sicherung der Arbeitsplätze der ständigen Ver- besserung der sozialen Einrichtungen und Leistungen. DER AUFSICHTSRAT HAT GENEHMIGT... Aus Anlaß des 75 jährigen Bestehens der Anker-Werke hat die Ge- schäftsführung nichts unversucht gelassen, Wege zu finden, die es ihr ermöglichen, einerseits den wirtschaftlichen Notwendigkeiten Rech- nung zu tragen, andererseits aber allen Mitarbeitern durch fühlbare Leistungen den Dank für ihre Einsatzbereitschaft beim Wiederaufbau abzustatten. Der Aufsichtsrat hat deshalb mehrere Vorschläge des Vorstandes zur Erweiterung der sozialen Leistungen genehmigt: ı. Erhöhung der Leistungen der Unterstützungsvereine. a) Die Mitgliederversammlung des Anker-Werke-Invaliden- Unterstützungsvereins (Pensionskasse für Lohnempfänger hat im Rahmen seiner Satzungen die Richtsätze für die Auszah- lung der Rentenleistungen mit Wirkung ab 1. 1. 1952 erhöht. Die monatliche Rente beträgt bei einer (vom 2ı. Lebensjahr ab zu zählenden) Betriebszugehörigkeit von ıo Jahren ro%, des in zogenen Normallohns. Für jedes weitere Jahr der Betriebs- zugehörigkeit erhöht sich dieser Satz um 23°, statt bisher 2. 40 1, %,, so daß nach einer Betriebszugehörigkeit von 40 Jahren der Höchstsatz von 30°, (statt bisher 20%) erreicht wird. Diese Rentenerhöhung gilt auch für die ehemaligen Belegschafts- mitglieder, die bereits vor dem 1. ı. 1952 pensioniert wurden. Außerdem erhalten diejenigen ehemaligen Belegschaftsmitglieder, die vor dem 1.9. 1948 in den Ruhestand getreten sind, deren Rente also auf Grund der vor dem Beginn der Lohnerhöhungen gültigen Löhne festgesetzt wurde, einen Zuschlag von 20%, auf die Summe, die sich aus der neuen Rentenstaflel ergibt. Sofern der Eintritt in den Ruhestand erst nach dem 1. 9. 1948 erfolgt ist, kommt eine Rentenerhöhung nur insoweit in Frage, als sie nicht bereits auf Grund der inzwischen erfolgten Lohn- erhöhungen gegeben ist. b) Die Mitgliederversammlung des Otto-Kramer-Ruhegehalts- und Unterstützungsvereins (Pensionskasse für Gehaltsemp- fänger) hat im Rahmen seiner Satzungen die Renten für die vor dem 1.9. 1948 in den Ruhestand getretenen ehemaligen Angestellten mit Wirkung vom ı. 1. 1952 um 20%, erhöht. Sofern der Eintritt in den Ruhestand erst nach dem ı. 9. 1948 erfolgt ist, kommt eine Pensionserhöhung nur insoweit in Frage, als sie nicht bereits auf Grund der inzwischen erfolgten Gehalts- erhöhungen gegeben ist. c) Die Mitgliederversammlung des Anker-Werke-Unterstüt- zungsvereins für Sterbefälle hat beschlossen, die Gewäh- rung von Sterbegeldern auch auf diejenigen ehemaligen Betriebs- angehörigen zu erweitern, die in den Diensten der Anker-Werke invalide geworden sind, eine Rente beziehen, und zwischen dem Ausscheiden und ihrem Tode keine anderweitige berufliche Tätigkeit gegen Entgelt ausgeübt haben. Der Vorstand wird im Einvernehmen mit dem Aufsichtsrat der nächsten Hauptversammlung vorschlagen, den beiden Unter- stützungsvereinen und der Sterbekasse aus dem Ergeb- nis der Bilanzjahre 1948/49 (21. 6. 48 - 31. 12. 49) und 1950 eine Summe von insgesamt 1.525.600 DM zuzuführen. SEETEEEESEERNLZERIEN SZ 3. Die an unsere Arbeitsjubilare zur Auszahlung gelangenden Treueprämien werden mit Wirkung vom 1. ı. 1951 erhöht bei einer Betriebszugehörigkeit von auf von 25 Jahren DM 100, — DM 200,—, von 40 Jahren DM 200,- DM 300,—, von 5o Jahren DM 200, DM 300,—. 4. Die Anker-Werke haben im Waldecker Bergland die Burg Lichten- fels erworben, die als Erholungsheim und Sozialsanato- rium für unsere Belegschaft eingerichtet wird. Wir glaubten diese Erwerbung trotz der anderen vor uns liegenden großen Auf- gaben verantworten zu können. Unser ständiges Bestreben, die Unser Erholungsheim — Burg Lichtenfels im Waldecker Bergland a ee 22m Gesundheit und Leistungsfähigkeit unserer Werksangehörigen zu fördern, war für unseren Entschluß ebenso maßgebend wie die Ein- maligkeit des Objekts und die Tatsache des 75 jährigen Bestehens der Anker-Werke. Die Renovierungs- und Einrichtungsarbeiten sind in vollem Gange, so daß das Heim im nächsten Sommer der Belegschaft zur Verfügung stehen wird. Dann werden ständig etwa 5o Betriebs- angehörige auf unserer Burg und in ihrer schönen Umgebung, fern von den Sorgen des Alltags, neue Schaftenskraft finden. . Obwohl sich das Verhältnis der Kosten zu den Erlösen infolge der erhöhten Materialpreise und des Ansteigens der Löhne und Gehälter gegenüber dem Vorjahr erheblich verschlechtert hat, hat der Vor- stand mit Genehmigung des Aufsichtsrats neben den bisher genann- ten Zuwendungen und Verbesserungen der Sozialeinrichtungen beschlossen, aus Anlaß des bevorstehenden Weihnachtsfestes und des 75 jährigen Bestehens unseres Werkes an alle Werksangehörigen, ° die am 30 ı1. 1951 fest in unseren Diensten standen, eine ein- malige freiwillige Sonderzuwendung in einer Ge- samthöhe von rd. 1.650.000 DM zur Verteilung zu bringen. Die Sonderzuwendung für den einzelnen Werksangehörigen er- rechnet sich aus ı. einem festen Betrag von DM 100,— und 2. einem Betrag von 84, °%/, der Brutto-Lohn- bzw. -Gehaltssumme, die jeder in der Zeit vom ı. ı1. 5o bis 31. 10. 5ı erhalten hat. Von der so errechneten Summe werden 5 %, der Brutto-Lohn- bzw. Gehaltssumme, mindestens jedoch DM 100,—, in bar aus- bezahlt. Der verbleibende Rest ist für Erholungsaufenthalte der einzelnen Belegschaftsmitglieder in unserem neuen Erholungsheim bestimmt. Zu diesem Zweck ist ein „Verein Anker-Werke - Erholungsheim““ gegründet worden, bei dem für jedes Belegschaftsmitglied ein Konto eingerichtet wird. Auf dieses Konto wird der Restbetrag gemäß der Bekanntmachung vom 11. 12. 5ı und der Zustimmungs- erklärung des Empfängers überwiesen. Sofern der Restbetrag im Einzelfall höher ist als DM 250, —, wird der übersteigende Betrag zusätzlich in bar ausbezahlt. Diejenigen ehemaligen Werksangehörigen, die im Laufe des Jahres 1951 pensioniert worden sind, werden hinsichtlich der Sonder- zuwendung so gestellt wie die noch im Dienst befindlichen Beles- schaftsmitglieder. Alle übrigen Pensionäre erhalten eine Sonderzuwendung in bar, bestehend aus einem Grundbetrag von DM 100,— zuzüglich einer Monatsrente. Wir alle dürfen stolz sein auf den Aufstieg, den die Anker-Werke in den 75 Jahren ihres Bestehens genommen haben. Er war möglich durch den Fleiß und das vertrauensvolle Zusammenwirken aller Mitarbeiter - der Lebenden sowohl als auch derer, die nicht mehr unter uns sind. Ihnen allen gilt der Dank der Firma. ) Es genügt aber nicht, den heutigen Zustand nur als den Abschluß einer 75 jährigen Entwicklung anzusehen. Er ist zugleich — und das ist für uns alle das Entscheidende - der Beginn eines neuen Abschnitts in der Geschichte der Anker-Werke. Wir betreten ihn im Bewußtsein unserer hohen Verpflichtungen gegenüber dem Erbe der Vergangen- heit, den Aufgaben der Gegenwart und den Erwartungen der Zukunft. Indem wir den überlieferten Grundsatz der Qualität mit neuem Leistungswillen verbinden, erfüllen wir diese Verpflichtungen zum Wohl unseres Werkes und aller, die ihm als Mitarbeiter und Freunde verbunden sind.

Anker Firmenschrift 1876-1951


Von
1951
Seiten
48
Dokumentenart
Firmenschrift
Land
Deutschland
Marke
Anker
Quelle
Heinz Fingerhut
Hinzugefügt am
15.04.2019
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