Mifa Katalog Gedanken im Sattel, 1969

Vorschau (1,27 MiB)

= Ein Mann spannt aus. Seine Phantasie läuft Stelzen durch die frühe Stunde, voller Neugier, voller Entdeckerfreude. Seine Phantasie, nicht er selbst. Denn der Mann ist modern. Komfortgewöhnt, up to date. Tempobesessen obendrein, und also Besitzer einer flotten Limousine. Was ihm ein Tag inmitten von Unrast und Pflichten an Erholung zu bieten hat, das ermißt er am Abend anhand der bewältigten Strecke. Alles unter 200 Kilometer, so meint der Mann, sei eine Bagatelle. Bagatellen sind witzlos. €) Stimmt. Die Weisheit, daß nicht das Was, sondern das Wie eines Erlebens den Spaß einer Sache ausmacht, hat er irgendwann einmal gelesen. Und vergessen, versteht sich. Bis zu diesem Morgen, als er feststellte: Die Batterie ist leer. Erschöpft. So gut wie tot. Genau genommen - beide Batterien, begreift der Mann. Die seiner Gemütsverfassung, seiner geistigen Spannkraft (gewarnt hatte der Arzt schon lange) und eben die andere, die Autobatterie. Weiß der Himmel, was den Mann in den Sattel des Stahlrosses brachte, das ihm ein wohlmeinender Nachbar lieh. Reine Neugier? Oder Mitleid? (Mit seiner eigenen Leere.) Wahrscheinlich auch ein gewisser Selbsterneuerungstrieb. Egal. Jedenfalls geschah es, daß der Mann sich zum erstenmal seit wer weiß wie lange aus eigener Kraft per Rad fortbewegte. Im Zickzack zunächst. Rund um den Hof. Doch dann geradeaus. Immer der Straße nach. Was für ein Erlebnis — die Welt um dich her vom Sattel aus gesehen: Das fast schwerelose, geruhsame Rollen. Der Wind, der dich umschmeichelt. Die Düfte, die ihn begleiten. Die ganze Natur verliert ihre sonst gewohnte Verschwommenheit und wird — als „Kilometerfresser par excellence“ reibst du dir dreimal die Wf Augen - zu einer durch Farben und Formen gegliederten Landschaft. Du hörst, was du noch niemals hörtest, so oft du im dritten Gang, den Blick auf die vorfahrtberechtigte ao er hu Se: Straße von rechts gerichtet, das Unterbewußtsein dem Motor- brummen zugewandt, an diesem Punkt die Grenze der Stadt- randsiedlung überquertest: Hahnenschrei und Kinderlachen. Das Wispern im Laub der Ebereschen. Das stillvergnügte Pfeifen eines Mannes, der seinen Gartenzaun pinselt. — Schalksaugen und tätowierte Arme. Symbole aus Seefahrerzeit. Und Goldfische im Becken aus Zement und Bruch- steinen. Kalmusüberschottet. I: ci LE ui: ’ # #* SW E LJ I ns -B 1! E 4 , Kalmus von einer Sorte, den du seither nur am Meer gefunden hast. Ferienselige Erinnerungen steigen in dir auf. Träume im Sattel. Und von der Treppe in der Sonne lächelt dir jemand zu. Kein Traum. Ein langbeiniges Mini-Mädchen. Fesch. Eine Prise Übermut im Blick. Das alles bemerkst du en passant vom Rücken deines Stahlrosses aus. & wenn du willst, dann hältst du Ih. Kein ärgerliches Hupkonzert. Kein Aufsehen. Keine Skepsis. Bist einer auf zwei Rädern, den der Zufall vorüberweht, mit dem man gleich daraufloserzählt, wenn er zu den Goldfischen hinüberblinzelt. (Und zu dem Mädchen.) Es ist, als hättest du eine Wand durchstoßen, die dich 50 lange vom eigentlichen Leben getrennt hat. Und die Leere in dir Spürst du Schwinden. Peu a peu. Um es gleich vorweg zu sagen: Besagter Radler ließ sein Auto nicht verschrotten. Er schätzt Tempo und Bequemlichkeit seines fahrbaren Untersatzes mit vier Rädern nach wie vor. Aber anders als vorher. Er klebt weder tagaus, tagein im Sattel, noch opfert er halsbrecherischer Geländefahrten zuliebe alle Freizeit. Er blieb modern. Up to date. Komfortgewöhnt. Und noch ein bißchen mehr — genußgewöhnt. Denn an die Ste , atemlosen Registrierens aller Dinge ist eine tiefere Wertschätzung getreten. Er hat gelernt, der Unrast des Daseins Herr zu werden. Ohne Beruhigungstabletten. Das Erlebnis der Fortbewegung aus eigener Kraft hat sein Wahrnehmungsvermögen geschärft und neue Lebensgeister in ihm geweckt. Unser Zeitgenosse hat begriffen, daß das Balancehalten per Zweirad hilft, das seelische Gleichgewicht wiederzuerlangen. Der Wahlspruch des schöpferischen Pausemachens? Genieße das Leben mit Verstand und Muße und — mit dem Klapprad im Kofferraum. (Nicht wenige schwören auf MIFA-FABRIKATE.) Immer zur Hand für Halbstunden- Expeditionen auf wundersamen Schlängelwegen. Sonntagsstimmung verteilt auf die ganze Woche. Und die Freude am Entdecken. Dieser Mann entdeckte sogar sich selbst. Er wurde sich radelnd seiner selbst bewußt, seiner Vorurteile, seiner Entfremdung, aber auch der in ihm schlummernden Kräfte. Und eben deshalb auch der Fähigkeit der Selbsterneuerung. Dieses Verhältnis ist bereits gestört. Unheilvoll gestört, wie die Jünger ÄAskulaps beweisen. Es fängt zumeist ganz harmlos an: Mit Abnahme der Muskelkraft oder der Konzentrationsfähigkeit etwa. Einengung der Lungenleistung kommt hinzu, oft bei gleichzeitiger Gewichtszunahme. Funktions- störungen des Herzkreislaufs sind 1 die Folge. Allerhöchste Zeit also, Schlimmerem vorzubeugen. krempeln unser Leben um y — elektronische Automaten übernehmen Fabrikationsprozesse. Roboter eröffnen dem technischen Fortschritt ungeahnte Möglichkeiten. Heureka — welche Perspektiven! Und welche Gefahren! Von der Notwendigkeit des seelischen Gleichgewichts in unserer Welt war schon die Rede. Nicht minder wichtig ist, daß sich der menschliche Organismus im Gleichgewicht mit der hochtechnisierten Umwelt befinden muß, wenn er leistungsfähig bleiben soll. Daß es erst gar nicht kommt zumKnaxe, erfand der Arzt die Prophylaxe | E es a Medizin mit Freilauf — eben das Radfahren — noch nicht, sie müßte erfunden werden. Kaum eine sportliche Betätigung nimmt den ganzen Menschen so in Anspruch wie eine Fahrt mit dem Rade. Und sicher hat gerade die Erkenntnis am meisten zur Verbreitung des Radelns beigetragen, daß diese Art der Fortbewegung gestattet, mit kleinstem Kraftaufwand ein Höchstmaß körperlicher Leistung zu entfalten. Es gibt keine effektivere Methode zur Anspannung der Fuß-, Bein- und Schenkelmuskulatur einerseits und der Bauch-, Schulter- und Armmuskulatur andererseits. Die körperschulende Wirkung des Radfahrens wird durch die gleichzeitige Tiefatmung hervorragend ergänzt. Ohne Essen und Trinken kommt man notfalls tagelang aus. Luftmangel führt nach wenigen Minuten zum Tode. Unzureichende Sauerstoff- versorgung macht mürrisch, müde und krank. Da der Atmungsvorgang die einzige vegetative Funktion darstellt, die weitgehend dem Willen des Menschen unterliegt, kommt es darauf an, richtiges Atmen zu üben. Radfahren forciert Tiefatmung. Auch auf diese Weise wird den gesundheitbedrohenden Schreck- gespenstern unseres Jahrhunderts Paroli geboten. Alles in allem: MEDIZIN MIT FREILAUF — klassisch symbolisiert in den technischvollendeten MIFA- Rädern — bringt dreifachen Gewinn: ERLEBNIS — NATURVERBUNDENHEIT — GESUNDERHALTUNG. Quadrat demonstrandum - was zu beweisen war, Sagt der Mediziner. =SalIren 0% KRAFT Dieser Vorzug hat das Radfahren SO populär gemacht. Besser gesagt: Wieder populär gemacht. Im Überschwang der Begeisterung für das Zeitalter der Motorisierung verstaubte so manches brave Tourenrad im letzten Winkel eines Hausbodens. Blanke Speichen wurden blind. Lenker ärgerten sich krumm. Bereifungen hauchten ihr Leben aus. Und tausend Motoren lachten hohn.... Allen Unkenrufen zum Trotz steht das Radeln in aller Welt wieder hoch im Kurs. Die Umsatzkurven der Fahrrad- fabriken von Rang zeigen steigende Tendenz. Natürlich auch bei den MIFA-Werken. Der Vorteil, mit kleinem Kraftaufwand schnell vorwärts zu kommen, macht das Radfahren (nicht nur aus medizinischen Gründen) besonders heutzutage attraktiv. Denn der Dschungel der Verbotsschilder für Kraftfahrzeuge sprießt noch und noch. An den Brennpunkten der Städte und in den reizvollsten Landschaften. Und das nicht nur zur Sommerszeit. Übrigens: Die Zahl der Kraft- fahrzeuge in aller Welt geht stramm auf die 200 000 000 zu. Was Wunder also, daß sich das RADFAHREN wachsender Beliebt- heit erfreut. Höher in die Berge, tiefer in die Wälder, dichter an die Seen — mit dem FAHRRAD kein Problem. Zum ungestörten T&te-a-t&te am Busen der Natur gehört das Rad. Am besten ein MIFA-Rad. Der Zuverlässigkeit halber. Zur ungetrübten Freude am Radfahren gehört ein Talisman. Der beste Talisman: Die STRASSENVERKEHRSORDNUNG. „Vorsicht und gegenseitige Rücksichtnahme...“ Na, Sie wissen schon. Paragraphen schützen vor Torheit nicht Wer eine Vorliebe für Speichensalat hat oder Streckverbände für schick hält, der lasse sich keine der FÜNF TODSUÜNDEN EINES ZUNFTIGEN RADLERS entgehen. Nämlich: Trunkenheit im Sattel. Pulkfahrten auf belebten Straßen. Anhängen an LKWs. Güternahverkehr per Rad mit Überbreiten. Artistik a la Hoppla-jetzt-komm-ich. Schade um Sie. Schade ums Fahrrad. Besonders dann, wenn es sich um eines der eleganten MIFA-Modelle handelt. Der alte Drais würde sich im Grabe herumdrehen. Freiherr Carl Drais von Sauerbronn dem geistigen Vater des „Tretomobils“. „Ich zahle die Zeche für alle Gäste der ‚Goldenen Traube‘, wenn es mir heute nicht gelingt, mit meinem Laufrad die Schwetzinger Schnell- post in den Schatten zu stellen!“ kündigte der bärtige Sonderling am 12. Juli 1817 an. Kein Mensch gab einen roten Heller für das kuriose Veloziped (lateinisch: velox = schnell, pes = Fuß) aus einfachen Balken und unbeschlagenen Holzrädern. Es fehlte auch nicht an Verunglimpfungen, als Herr Drais sich anschickte, sein Gefährt, mit den Füßen abwechselnd vom Erdboden abstoßend, über die Landstraße vorwärts zu balancieren. Die allgemeine Skepsis schlug sehr bald in Anerkennung um. Was niemand für möglich gehalten hatte, geschah: Der Forstmeister bewegte sich aus eigener Kraft doppelt und dreifach so schnell fort wie die mit vier Pferden bespannte Kutsche. Von Stund an eroberte die Draisine die Herzen aller am technischen Fortschritt interessierten Geister. Die Geschichte des Fahrrades — von der Draisine über das Hochrad bis zur Michauline und zum Rover — ist abenteuerlich und komisch, sonderbar und erregend und verdient eine gesonderte Würdigung. Hier nur soviel: Ähnlich wie im Kraftfahrzeugwesen haben sportliche Konkurrenzen auch zur Vervollkommnung des Fahrrades beigetragen. Beschleunigtes Tempo setzte Verringerung des Eigengewichts voraus. Deshalb traten an die Stelle hölzerner und eiserner Verstrebungen schließlich Stahl- rohrrahmen. Dem Problem der inneren Reibung der Tretlager war nur durch Rollen und Kugeln als Lagerelemente beizukommen. Kugel-Fischer aus Schweinfurt wußte Rat. Weil der Luftwiderstand eines Radfahrers im Quadrat mit seiner Geschwindigkeit zunimmt, ergab sich die Notwendigkeit, vom Hochrad zum Niederrad über- zugehen. (Abgesehen davon sprachen auch technische Zweckmöäßigkeitserwägungen für die neue Form.) Der Engländer Starley ertüftelte noch im vergangenen Jahrhundert ein entsprechendes Modell, das er Rover nannte. (Englisch: to rove = herumschweifen.) Der Rover besaß schon alle Merkmale des modernen Fahrrades, einschließlich Ketten- antrieb, Lenker und Luftreifen. Hätte sich übrigens der schottische Tierarzt Dr. Dunlop nicht so nachhaltig über den Lärm geärgert, den sein Filius mit einer Karre auf dem Pflaster verursachte, wäre er sicher nicht auf die Idee gekommen, voller Zorn ein Stück Gartenschlauch auf das eiserne Rad zu binden... und die Radfahrer in aller Welt hätten sich noch ein bißchen länger unbereift über die Straßen des Globus quälen können. Das 20. Jahrhundert brach an. Was nun noch zu tun übrigblieb, war, bis auf den Freilauf, Beiwerk und Staffage. Die Jahresproduktion an Rädern betrug in Deutschland rund 100 000 Stück und wuchs von da an sprunghoft. Nicht unmoßgeblich beteiligt an dieser Entwicklung war Mifa - vormals Mitteldeutsche Fahrradwerke G.m.b.H., gegr. 1907, jetzt VEBMIFA-Werke Sangerhausen / DDR. Ein Betrieb also mit respektabler Tradition. Ihre Anfänge fallen zeitlich etwa zusammen mit den Anfängen der epochemachenden Konstruktion der Torpedo-Nabe. Der von Ernst Sachs erfundene Mechanismus, der Antrieb, Freilauf und Bremse zugleich ist, machte das Fahrrad schließlich zu dem, wovon der mechanikbesessene Forstmeister bestenfalls zu träumen wagte: zum Massenverkehrsmittel und zu einer Art Medizin für alle, die der Natur und der Bewegung entwöhnt sind. MIFA-RÄDER erfreuen sich in mehr als 30 Ländern der Erde außerordentlicher Beliebtheit. MIFA — das ist FORTSCHRITT AUS TRADITION. Gr wit In dieser Broschüre Sind folgende Fahrradmodelle unseres Fertigungsprogramms enthalten: Modell 152 Damen-Tourenfahrrad 28“ Modell 101 Herren-Tourenfahrrad 28“ Modell 202 Herren-Sportfahrrad 28“ Modell 251 Damen-Sportfahrrad 28“ Modell 301 Knabenfahrrad 26“ Modell 351 Mädchenfahrrad 26“ Modell 305 Sportliches Knabenfahrrad 24” Modell 355 Sportliches Mädchenfahrrad 24” Modell 401 Kinderfahrrad 20” Modell 901 Klapprad 20” Gestaltung, Grafik, Fotoregie: Götz Eckart, DEWAG Dresden Text: Adrian Quint Foto: SLP-Studio Organisation: W. Koch Redaktion: Werbeabteilung MIFA-Sangerhausen Druck: Grafischer Großbetrieb Völkerfreundschaft Dresden 111/9/3 P 226/69 VEB : | er Sangerhausen MN Sangerhausen DDR-47 Sangerhausen Überreicht durch:

Mifa Katalog Gedanken im Sattel, 1969


Von
1969
Seiten
24
Art
Katalog
Land
Deutsch Demokratische Republik
Marke
Mifa
Quelle
Gerhard Eggers
Hinzugefügt am
01.03.2020
Schlagworte
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